9. Journaleintrag
SIBIRIEN: Wladiwostok - Ulan-Ude  21.Mai 2001 – 29. Juni 2001
(+letzter Teil des Japan-Berichts) 
What do you mean by NJET ? 
Nach unserer Rückkehr aus dem Norden Japans waren wir erst einmal müde. Ein paar Tage bei unserem Freund Chris in Tokyo und wir waren wieder “die Alten” - jung, frisch und strotzten vor Kraft. 

Der starke Regen motivierte uns ganz und gar nicht die Wohnung zu verlassen und aufzubrechen. So studierten wir wieder einmal den automatisierten Lebensstil der Japaner und warteten auf eine leichte Wetterbesserung. Nach ein paar Tagen war es dann soweit und wir brachen Richtung Kyoto, der Kulturhauptstadt Japans auf. Nichtsahnend kurvten wir zwei Tage durch eine Hügellandschaft bis – mehr oder weniger plötzlich – der Mount Fuji vor uns stand.
Beindruckend ragt der Vulkan als einziger Berg in der Umgebung über 3700m empor. In diesem Moment war die Entscheidung schon gefallen und wir tauschten die Kultur gegen Bergsteigen aus. Wir fuhren an den Fuß des Berges und schlugen dort unser “Basislager” auf. Nach einer kurzen Nacht brachen wir am nächsten Morgen um 3.30 Uhr mit Stirnlampen bewaffnet auf. Während es langsam heller wurde, stiegen wir – nahezu alleine am Berg- auf den “Fujikofel” auf. Ab 3300m begann es dann heftig zu winden und wir kamen nur langsam vorwärts. Um 7.30 Uhr erreichten wir den Gipfel auf 3752m. Da Japaner keinen Sinn für Bergkultur haben, gäbe es auch kein Gipfelbuch, wenn wir nicht eines mitgebracht hätten. Wir stifteten also das erste Fujikofel-Gipfelbuch und deponierten es am Gipfel. Der Abstieg war problemlos und als Krönung gönnten wir uns am Abend ein heißes japanisches Bad. 


Gipfelsieg am Mt.Fuji

Wir fuhren ein paar Tage entlang der Pazifikküste und kehrten dann nach Tokyo zurück, wo wir unser Zelt im zentralen Yoyogi- Park aufschlugen. 

Einer Eingebung folgend, kontaktierten wir BMW Japan und – unglaublich aber wahr – haben uns diese sofort ihre Unterstützung in Form von Service und Reparaturen an den Motorrädern zugesichert. Danke.

In den fünf Tagen, in denen wir keine Bikes hatten, fuhren wir per Zug nach Utsonomiya und genossen erneut die Gastfreundschaft von Seji und Harumi. Seji stellte uns eine Honda Baja 250 und eine Honda XL 250 zur Verfügung und wir erkundeten ein wenig die Gegend. Wir genossen die Ruhe. Am 4.Juni gab es Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat und wir feierten Patricks Geburtstag in österreichischer Art und Weise – natürlich mit genügend Bier.

Zurück in Tokyo holten wir unsere “überholten” Motorräder ab und brachen am darauffolgenden Tag nach Fushiki auf. Es war nun endgültig and der Zeit von Japan Abschied zu nehmen und spätestens als wir in Fushiki vor unserem Schiff nach Vladivostok standen, übertraf die Vorfreude auf Russland jeglichen Abschiedsschmerz. Die “Antonina Neschtanova” – unser Schiff war größer, als erwartet und in besserem Zustand, als erwartet. Auf demselben Schiff waren auch noch Rob & Dafne de Jong aus Holland, die wir bereits in Tokyo kennen gelernt haben. Nach einer fünfjährigen Reise und zwei Weltumrundungen sind sie nun mit ihrem Yamaha Gespann auf dem Rückweg nach Europa . Die Motorräder wurden per Kran verladen und trotz einiger Minuten des Bangens, verlief alles problemlos.

Rob&Dafnes Homepage: https://www.horizonsunlimited.com/rideonworldtour/


Seji und Harumi


BMW Japan


Verladen der Motorräder

Schon auf dem Schiff lernten wir die Gastfreundlichkeit der Russen kennen und wir bekamen unsere erste russisch Lektion erteilt. Nach einigen Gläsern Vodka wurden bei der etwas älteren und korpulenteren Frau Schiffsdoktor zärtliche Gefühle geweckt und es bedurfte harter Arbeit sich beim Tanzen einen minimalen Sicherheitsabstand zu verschaffen.

Nach drei recht ruhigen Tagen auf See, erreichten wir den Hafen von Vladivostok. Vladivostok, das russische San Fransisco, liegt in Hügeln gebettet auf einer Halbinsel. Sergej und Dimitri, zwei Mitglieder des Motorradclubs “IRON TIGERS Vladivostok” holten uns ab und brachten uns in die Box – ein Clubhaus mit angeschlossener Werkstatt. 

Je länger wir dort wohnten , umso mehr sprach es sich herum und viele Freunde und Mitglieder der Iron Tigers kamen, um uns kennen zulernen. Zusammen mit den Iron Tigers gingen wir ins Kino (Pearl Harbour – schrecklicher Schwachsinn: "kak nastroys" !), in die Sauna und lernten die russische Kultur kennen und verstehen. Am letzten Tag in Vladivostok veranstalteten wir als “Danke Schoen” eine Abschiedsparty, die am nächsten Morgen mindestens soviel Kopfweh bereitete, wie eine starke Migräne. Als wir abfuhren, hinterließen wir Freunde in Vladivostok. 


the "Iron Tigers"


russisches Bike

Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon über eine Woche mit Rob und Dafne zusammen unterwegs und wir verstanden uns ausgezeichnet. Da wir die selben Ziele verfolgten , beschlossen wir ein Stück gemeinsam zu reisen. Zu viert fuhren wir entlang der chinesischen Grenze Richtung Norden nach Khabarovsk. Traumhaftes Wetter, die sanfte Landschaft und idyllische Plätze zum Übernachten , machten jeden Tag zu einem Erlebnis. Mit Verpflegungsproblemen hatten wir überhaupt nicht zu kämpfen. Obwohl die Auswahl an Lebensmittel nicht sehr groß ist, bekommt man alle Grundnahrungsmitteln (wie Reis und Vodka) und außerdem noch guten Käse, Wurst und Fisch. 
Von Khabarovsk fuhren wir dann entlang der Transib Richtung Westen. Die wichtigste Hauptverkehrsader in diesem Teil Russlands ist eindeutig die Bahn. Außerhalb der Städte sind die Strassen fast menschenleer. Auf Schotterstrassen fuhren wir durch die unglaubliche Weite Ostsibiriens. Die wenigen Dörfer, die es hier gibt, sind bis zu 60 Kilometern von einander entfernt. Obwohl uns die Dörfer rund 100 Jahre zurückversetzten, wurden wir von den Einheimischen sehr, sehr freundlich und offen aufgenommen.

Nach einigen Tagen erreichten wir die Kleinstadt Blagovescensk. Auf der Suche nach einem Internetcafe, lernten wir Max und Juri kennen, die uns zu sich nach Hause einluden. Auf einer idyllischen Lichtung befand sich das kleine Holzhaus, in dem wir einen erneuten Intensivkurs in russischer Kultur bekamen. Zur Begrüßung gab es Vodka, rohe Zwiebeln, Würste und rohe Eier. Nach einigen Flaschen Bier und einigen rohen Eiern gingen wir in die Banja – die russische Sauna. Alleine für dieses Erlebnis, zahlt es sich schon aus nach Russland zu fahren. Der Abend endete natürlich mit Vodka.

Auf unserem weiteren Weg durch Sibirien stießen wir auf das Problem, dass es für einen Streckenabschnitt von 1200 Kilometern keine Strasse gab. Es dauerte einige Zeit bis wir in Simanovsk eine Transportmöglichkeit gefunden hatten. Da der Eisenbahnwagon mit jap. Gebrauchtwägen gerammelt voll war, mussten wir Patricks Maschine in einen Seitengang hinein heben. Das beinahe unmögliche Unterfangen kostete uns fast unsere Nerven. Erleichterung machte sich breit, als Alles verstaut war und sich der Zug in Bewegung setzte. In einer kleinen Kabine verbrachten wir zu viert die 27-stündige "Non-Stop" Fahrt nach Sylka.


Transsibirische Eisenbahn


Patrick und Freunde


Sibirisches Dorf

Von Sylka ging es weiter nach Ulan Ude, der Provinzhauptstadt Buryats. Etwas außerhalb von Ulan Ude verbrachten wir unseren letzten gemeinsamen Tag mit Rob und Dafne und genossen noch einmal ihre Anwesenheit. Über drei Wochen reisten wir zusammen und mit Tränen in den Augen verabschiedeten wir uns von unseren Freunden. Es war eine schöne Zeit.

Unser mongolisches Visum wartet schon darauf genützt zu werden und in ein bis zwei Tagen werden wir in die Mongolei aufbrechen. 

Obwohl wir erst 4000 Kilometer in Russland zurückgelegt haben, können wir trotzdem schon sagen: "There are only two big things in this world – the oceans and Russia". 

Wir wünschen Euch einen wunderschönen Sommer und für den Fall dass Euch Euere Urlaubspläne irgendwo nach Russland führen – so wäre es doch schön gemeinsam, eine Flasche Vodka zu leeren !

Aus Sibirien,

Euer

Lorenz

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